Programmierbare Märklin-Eisenbahn
30. Juli 2009
Siehe auch ganz unten: 150 Jahre Märklin.
Vorwort
Im Jahr 1950 erhielt ich zu Weihnachten den ersten Märklinbaukasten Nr. 103 und ab
1953 eine Märklin-Eisenbahn mit der Lokomotive CM800 und einigen Wagen. In den folgenden
Jahren kamen immer mehr Lokomotiven mit Wagen dazu, wie 1954 auch die DL 800 für
den sündhaft teuren Preis von 105 DM. Kontinuierlich baute ich die Märklin-Eisenbahn
durch Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke aus, wobei im Jahr 1958 neun Züge programmiert
wurden.
Ab ca. 1954 durfte ich als kleiner Junge mit in die Firma meines Vaters, der Zuse
KG, ansässig in Neukirchen Kreis Hünfeld südlich von Fulda (Heute Haunetal). Diese
Firma baute Computer, wie z.B. die Maschinen Z7, Z9, Z11 und ab 1958 die Röhrenmaschine
Z22. Auf Anweisung meines Vaters, Konrad Zuse, hatte ich Zutritt in das Materiallager.
Ich durfte alles das mitnehmen, was für die Produktion nicht gebraucht wurde. Das
war eine wahre Fundgrube für mich: Es waren Relais aller Arten, Schrittschalter,
Elektronenröhren, später auch Transistoren. Kabel, Lötkolben, Telefone usw. darunter.
Dazu kamen leistungsfähige Transformatoren, Gleichrichter und Meßinstrumente. Mit
den Transformatoren hatte ich eine wesentlich bessere Stromversorgung für die Märklineisenbahn
als dies mit den damaligen Märklintransformatoren möglich war.
Um 1958 kamen ein Lochstreifenleser und ein Fernschreiber dazu. Es waren Elektroteile,
die das Herz eines Jungen wie mich höher schlagen ließen.
Programmsteuerung
Mit diesem Material aus der Zuse KG steuerte ich ca. 1957 Züge meiner Märklin-Eisenbahn
zunächst per Märklin-Kontaktschienen, Relais und Schrittschalter. Die Schrittschalter
hatten ca. 30 Positionen. Mit jedem Schritt des Schrittschalters wurde ein neuer
Befehl an die Signale und Weichen gegeben. Dies war sehr ähnlich zu der Hardwareprogrammierung
mit Schrittschaltern bei der Rechenanlage Z11 (ausgeliefert ab 1955), die auch im
Konrad-Zuse-Museum in Hünfeld zu sehen ist. Immer wenn der Zug die Blockstrecke verließ
wurde über ein Kontaktgleis der Steuerung des Schrittschalter die Freigabe für den
nächsten Befehl erteilt.
Diese Art der Programmierung der Märklineisenbahn war sehr starr, obwohl die Verbindungen
von den Schrittschaltern zu den Relais zur Steuerung der Signale und Weichen über
eine Art von Bananensteckern gesteckt werden konnte. Ca. 1958 erhielt ich einen ausrangierten
Lochstreifenleser und ein Siemens-Fernschreiber. Diese Geräte wurden an der Z11 und
Z22 verwendet. Nun baute ich aus Relais einen Dekodierer, um die Stromimpulse, kommend
aus den 5-Spur-Lochstreifen, in zunächst 32 Relais zu leiten. Ich konnte 32 Signale
oder Weichen ansteuern, aber es gab ein Problem: Jede Weiche und jedes Relais hat
zwei Schaltpositionen. Ich hätte also nur 16 Signale oder Weichen ansteuern können.
Daher bekam jedes Signal und jede Weiche ein Relais zugeordnet, welches die Schaltstellung
anzeigte. Das Relais war abgefallen, wenn das Signal geschlossen oder die Weiche
auf die rechte Schiene zeigte. War das Signal für die Blockstrecke offen, dann war
das Relais angezogen. Gab es einen Stromausfall und das dem Signal oder der Weiche
zugeordnete Relais war nicht angezogen, dann wurde das Signal geschlossen und die
Weiche auf rechts gestellt. Daher benötigte ich nur einen Befehl, um die Signale
und Weichen schalten zu können. Es war auch möglich, Signale und Weichen in einem
Schritt zu schalten. Die Signale wurden beim Verlassen der Blockstrecke automatisch
geschlossen.
Durch eine Erweiterung der Schaltung (Groß- und Kleinschreibung des Fernschreibers)
konnte ich die Befehle getrennt für Signale und Weichen auf je 30, also insgesamt
60 Geräte, erhöhen. Es gab eine Rückmeldung an den Lochstreifenleser, wenn der Zug
die Blockstrecke verlassen hatte. Damit konnte ich die Anlage sicher steuern ohne
auf die Fahrzeiten der Züge achten zu müssen. Fuhr ein Zug nicht an oder sprang aus
den Gleisen, dann gab es keinen weiteren Befehl. Es war eine Art Interruptsystem,
da der Lochstreifenleser mit dem Einlesen des nächsten Befehls immer so lange wartete
bis eine Freimeldung von der Blockstrecke kam. Beim Schalten der Weichen war dies
nicht erforderlich.
Die Lochstreifen wurden mit dem Siemens-Fernschreiber erstellt. Ich hatte 5-6 verschiedene
Programme, nach denen die Züge fuhren und nach einiger Zeit wieder die Position auf
der Anlage einnahmen, wie beim Start des Lochstreifens. Das Erstellen der Lochstreifen
war sehr einfach, da ich nur eine Folge von Groß- und Kleinbuchstaben eingeben mußte,
die auf einem Zettel standen. Jeder Buchstabe stand für ein Signal oder eine Weiche.
Programme konnten auch aus mehreren kleinen Programmen durch Zusammenkleben zusammengesetzt
werden. Mit den kurzen Programmen konnte ich die Anlage und die Blockstrecken testen.
Damit war meine Eisenbahnanlage frei programmierbar, d.h. die Märklin Eisenbahnanlage
war nun über eine sinnvolle Folge von Befehlen auf dem Lochstreifen frei programmierbar.
Alle Schaltungen habe ich damals selbst entworfen, an Relais gab es für mich damals
keinen Mangel (Siehe unten).
Vielleicht war ich damit der erste Junge, der eine Märklin-Eisenbahn im Jahr 1958/59
hardwaremässig starr und dann mit einem Lochstreifen frei programmiert hat.
Abschlußbermerkungen
Ohne das Materiallager der Zuse KG wäre das oben Berichtete nicht möglich gewesen.
Ein Beispiel: Die Relais für die Z11 mußten ca. 40 mal / Sek. schalten. Hunderte
gekaufte Relais „schafften“ dies nicht. Genau diese Relais waren gut für meine Anlage.
Kurzum: Ich hatte ideale „Umgebungsbedingungen“.